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Ausstellung: Taryn Simon in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Die Fotografin Taryn Simon wurde 1975 in in New York geboren und stellt vom 22.September 2011 - 01.01.2012 unter dem Ausstellungstitel "A living man declared dead and other chapters" (deutsch: "Ein lebendiger Mann für tot erklärt und andere Kapitel") in der Neuen Nationalgalerie in Berlin aus. Untergliedert in 18 Kapitel liefert die Künstlerin Portraits von Familienangehörigen, welche an schockierenden Ereignissen oder Lebensgeschichten beteiligt sind oder waren. Das bedeutet, bestimmte Phänomene, kulturelle Eigenarten oder Traditionen werden an konkreten Beispielen erläutert. Für uns Industriestaatler scheinen manche Geschichten grotesk, ungewohnt und überholt. Bei manchen Ansichten ist man sogar überrascht, dass es sie heute noch gibt. Taryn Simon beleuchtet durch diese Ausstellung gesellschaftliche und politische Unterschiedlichkeiten in aller Welt. Hauptsächlich werden dabei Fragen zur und über die Menschlichkeit gestellt.


Wie schon im Titel enthalten, behandelt eines der Kapitel ein in Indien nicht seltenes Phänomen: da Ackerland und Grundstück noch heute eine der wichtigsten Einnahmequellen für viele Bewohner einiger Regionen Indiens ist und wegen ständig wachsender Bevölkerung und allgemeiner Landknappheit ein Wettbewerb um den Boden entbrannt ist, kommt es sehr häufig zur Toderklärung mancher durch Familienmitglieder, da somit das Erbe auf die jeweils nächste Person übertragen wird. Ein anderer Abschnitt beschäftigt sich z.B. mit Mitgliedern der Zionistischen Organisation in Palästina oder der Polygamie (Duldung mehrer Ehegatten /-gattinen) in Kenia, welche sogar schon in einem Gesetzesentwurf festgehalten wurde, da sie eine legitimierte Alternative zur Untreue, in Regionen mit hoher HIV-Infizierten-Dichte, sei. Interessant ist sicher auch Kapitel IV, welches sich mit dem Körperdouble Uday Husseis (Saddam Husseis Sohn) auseinandersetzt. Andere Themen, die behandelt werden, sind beispielsweise auch die Kaninchen-Plage in Australien sei dem 19.Jahrhundert, sowie die Vorgehensweisen dagegen (z.B. Testversuche mit bestimmten Bakterienkulturen), die Tötung bosnisch-muslimischer Männer und Jungen innerhalb der UNO-Schutzzone, durch bosnisch-serbische Soldaten im Jahre 1995, was sich überdies als größter Massenmord in Euorpa nach dem zweiten Welkrieg entpuppte, die Folgeschäden an Kindern, deren Mutter während der Schwangerschaft das angeblich ungefährliche Thalidomid einnahm, welches weltweit in den 50er/6oer Jahren bei über 10.000 Kinder zu Kindertod oder körperlichen Missbildungen führte und deshalb 1961 vom Markt genommen wurde, oder aber mit einer Flugzeugentführung durch die Volksfront zur Befreiung Palästinas in den 1970er Jahren. Spannend außerdem auch das Kapitel über Hans Frank, dem Rechtsberater Adolf Hitlers und Generalgouverneur im besetzten Polen, welcher Gesetze für das Dritte Reich entwarf und u.a. an der Deportation polnischer Staatsbürger zur Zwangsarbeit nach Deutschland, der Inhaftierung polnischer Akademiker oder der Zwangsumsiedlung und Ghettoisierung, beteiligt war. Weitere schockierende Einblicke erhalten die Ausstellungsbesucher durch eine Geschichte über eine seit 1913 bis heute andauernde Blutfehde zwischen zwei brasilianischen Familien. Persönlich interessierte mich auch das Kapitel über nepalesische Mädchen, welche als angebliche Reinkarnation einer Göttin von ihren Familien genommen werden und bis zum Eintreten der Menstruation in Tempeln verehrt werden, oder die Geschichte über die Menschenjagd nach Albinos in Tansania. Wegen ihres besonderen Aussehens werden den Albino-Menschen Heil- und Zauberkräfte zugeschrieben. Deshalb sind Organe, Haut, Haare oder andere Körperteile unter Abergläubischen und Heilern sehr begehrt. Das letzte Beispiel, welches ich ansprechen möchte ist das Kapitel über die ehemalige Inhaftierung, Folterung und Tötung Homosexueller unter General Francisco Franko zwischen 1939 und 1975 in Spanien. 1979 wurden die Gesetzte gegen Homosexualität zwar in Spanien abgeschafft, doch in über 70 Ländern wird jene Eigenart noch heute bestraft, in einigen Ländern sogar mit der Todesstrafe.
Die Ausstellung gibt also teils faszinierende, teils schockierende Einblicke in politische oder gesellschaftliche Eigenarten verschiedener Kulturen und Länder. Dabei unterscheiden sich die Ansichten stark von den Standarts in fortschrittlichen Indurstrieländern. Die Ausstellung macht die Besucher aufmerksam auf das Gräuel in weniger entwickelten Staaten und sensibilisiert natürlich auch. Die Ausstellung besteht aus Portraitfotografien involvierter Personen, Briefen oder anderen Dokumenten. Zu beachten ist, dass die Ausstellung ohne ausliegendes Textmaterial nicht/kaum verständlich ist! Man muss sich bei einem Besuch also darauf vorbereiten, viel zu lesen und sehr aufmerksam zu sein.

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