Samstag, 26. November 2011

Wissenswertes: Entwicklung der Tafelmalerei zum autonomen Bild

Während ein Bild heute als individuelles, ästhetisches, in idealisierter Weise im Museum hängendes Einzelstück gesehn wird, welches lediglich als künstlerischer Ausdruck des Künstlers für sich selbst steht, wurde der Malerei im frühen Mittelalter eine völlig andere Funktion zu Teil, die in keinster Weise mit unserer heutigen Auffassung von "Kunstwerk" einhergeht. Erste Tafelmalereien dienten u.a. der Ausschmückung von Altären in Kirchen. Dabei sollten Malereien biblische Szenen erzählen, den lehrenden Inhalt vermitteln und der mittelalterlichen, überwiegend analphabetischen Bevölkerung die transzendente Welt anschaubar machen. In diesem Sinne war der Informationswert des Bildes auschlaggebender, als der ästhetische Gehalt. Im Laufe des 15.Jahrhunderts begann sich das Tafelbild jedoch aus dem Rahmen des Kirchenaltas zu lösen und fand als autonomes Bild immer mehr Zuspruch durch Privatpersonen des Großbürgertums, die sich nach und nach private Andachtsbilder anfertigen liesen, welche meist kleinformatig waren, sodass sie im Falle einer Reise auch transportiert werden konnten. Solche Adorationsbilder bezogen neben Heiligen, denen das Bild gewidmet war, auch den Auftraggeber mit ein. Als Folge dessen entwickelte sich später auch die Portraitmalerei. Diese Darstellung des Auftraggebers im Bild ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem frühmittelalterlichen Stifertbild, bei welchem der Stifter verhältnismäßig nur sehr klein neben bedeutungstragenden Heiligen dargestellt wurde. Die direkte Anwesendheit privater Personen gilt im 15.Jahrhundert als signifikante Neuerung in der Malerei. Handwerkliche Perfektion in der Ausarbeitung spielte dabei auch eine große Rolle, sodass die Kunstfertigkeit des einzelnen Malers mehr und mehr gefordert wurde. Während frühe Tafelbilder eher flächig gemalt waren, spielte nun auch die Raumtiefe eine entscheidene Rolle. Außerdem war der materielle Wert der Bilder ausschlaggebend für deren Beurteilung als "gute" Kunst. Je präziser die Ausarbeitung, je größer das Format (je größer der Arbeitsaufwand) und je teurer die Malutensilien, desto "besser" wurde ein Werk zu damaliger Zeit eingestuft. Das aus äthiopischem Lapislazuli gewonnene Ultramarinblau galt dabei als wohl teuerste Farbe. Ab der Neuzeit des 16.Jahrhunderts begann man dann Werke weniger nach ihrem Materialwert und mehr nach ihrer tatsächlichen Naturnähe zu beurteilen. Im Rahmen dessen wird die Person des Künstlers in der Kunstgeschichte immer wichtiger. Als, ebenfalls mit der Wende vom 15. zum 16.Jahrhundert, die humanistische Bildungsbewegung einsetzte, kam es zur entgültigen Umwertung der Kunstfunktion des Bildes, weg vom rein religiösen Auftrag. Viele Werke wurden nun speziell an gebildete Kenner adressiert (wobei es meist keinen speziellen Auftraggeber mehr gibt, sondern ein Bild rein aus der Intuition eines Künstlers entsteht), welche bereits über den Hintergrund des Bildinhalts wussten und nicht wie im Mittelalter erst durch eine Malerei belehrt wurden. Außerdem kam es des öfteren zur Einbindung von Epigrammen in der Kunst, sodass durch einen kurzen Vers das Bild durch den Künstler kommentiert wurde. Die künstlerischen Aspekte spielen in der Entstehung eines Gemäldes eine immer wichtiger werdene Rolle, da von einer Malerei nun auch verlangt wird, dass sie einen individuellen Ausdruck bzw. ein Gefühl vermittelt. Weil Kunst von nun an hauptsächlich von Kennern gekauft wurde, war so der Grundstein zum späteren Sammlerkult und musealer Präsentation gelegt, was sich allerdings erst im 18.Jahrhundert entgültig entwickelte. Das Bild als Kunstwerk ist seitdem völlig autonom vom individuellen Künstler geschaffen, ohne vorbestimmten Verwendungszweck. Kunstliebhaber begannen verstärkt Bilder zu erwerben, sodass sich rasch ganze Sammlungen anhäuften, welche nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. So entwickelte sich schließlich der Museumskult.

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